Manifest für gute interdisziplinäre Zusammenarbeit

von Johanna Barnbeck and Silja Klepp

Komplexe Herausforderungen bedürfen vielfältiger Perspektiven, um sie zu lösen. Klimawandel und Gleichberechtigung sind dafür Beispiele.
Damit sich bei der Zusammenarbeit alle wohlfühlen und konstruktiv sein können, haben wir aus unseren Erfahrungen die wichtigsten Aspekte für gelungene interdisziplinäre Zusammenarbeit zusammengetragen.

 

  1. Oft werden die Investitionen in Konzeption, Kommunikation, Zeit und Ressourcen unterschätzt, die zu gewinnbringender und erfolgreicher interdisziplinärer Zusammenarbeit nötig sind. Sind wir bereit kontinuierlich miteinander zu kommunizieren? Können wir alle ertragen in Vorleistung zu gehen, ohne zu wissen, was dabei herauskommt?
     

  2. Interdisziplinäre Zusammenarbeit erfordert Mut, weil sie zunächst mehr Unsicherheit hervorbringt als disziplinäre Forschung. Wie schaffen wir dauerhaft eine einladende und versichernde Atmosphäre, die neugierig aufeinander macht?

     

  3. Sicherheit entsteht durch Vertrauen in die beteiligten Personen und durch Vertrauen in die vielfältigen Wege der wissenschaftlichen Erkenntnis. Dies gilt auch für die eigenen Grundlagen und Grenzen. Kann ich entspannt mit den Grenzen meines Wissens umgehen und diese als hilfreiche Struktur sehen oder muss ich sie verteidigen, weil ich glaube mich selbst behaupten zu müssen?                                                                                                                                

  4. Wir bringen unsere Vorannahmen und Erwartungen in Bezug auf den Ablauf und die Ergebnisse von Projekten mit. Diese sind auch aufgrund der unterschiedlichen disziplinären Hintergründe oft sehr verschieden. Was sind unsere unterschiedlichen Erwartungshaltungen?

     

  5. Gemeinsam zu reflektieren, aufgrund welcher epistemologischer Annahmen wir als Forscher:innen zusammenkommen, ist zentraler Bestandteil interdisziplinärer Forschung. Wer bist du als Forscher:in? Wer bin ich? Wie sind wir zusammen? Welche unvermeidlichen oder gewünschten Unterschiede vereinen wir dadurch?
     

  6. Forschungsfragen und Methoden interdisziplinärer Forschung unterscheiden sich – zumindest in ihrer Kombination – von (multi-)disziplinären Fragen. Wie formulieren wir eine interdisziplinäre Forschungsfrage, die uns zu gleichberechtigten Partner:innen macht?

     

  7. Interdisziplinäre künstlerische und wissenschaftliche Zusammenarbeit auf Augenhöhe ist möglich. Welche besonderen Bedingungen schafft die Kombination künstlerischer und wissenschaftlicher Perspektiven?

     

  8. Gedankliche Flexibilität und Empathie sind essenzieller Bestandteil von interdisziplinärer Zusammenarbeit. Welche Methoden kennen wir, um immer wieder auch gedanklich Perspektivenwechsel vorzunehmen?
     

  9. Die Strukturen in der Wissenschaft und in der Kunst sind oftmals hierarchisch, die finanziellen Absicherungen temporär bis prekär. Wie können wir diese schwierigen Bedingungen für die interdisziplinäre Zusammenarbeit weder tabuisieren noch uns davon einschränken lassen?

 

Das von uns entwickelte Spiel COLLAB arbeitet diese zentralen Fragen heraus, die auf unseren Erfahrungen in unterschiedlichen interdisziplinären Projekten beruhen. COLLAB soll dabei helfen, Diskriminierungen nicht zu reproduzieren und bestehende Strukturen zu verbessern. Sich des Kontexts bewusster zu sein, soll zur Ermächtigung von Forschungsgruppen und zur Selbstermächtigung beitragen.

Wir würden gerne Ihre Gedanken und Erfahrungen zur interdisziplinären Zusammenarbeit im Allgemeinen oder zu COLLAB im Besonderen hören. Hier können Sie uns kontaktieren.

Viel Spaß beim Austausch von Ideen und beim Spielen mit COLLAB!

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